Eine wundervoll magische und eine skurril tragische Geschichte

Immer noch segeln wir bei den azorischen Inseln. Diese erste Geschichte spielt auf der Insel São Jorge, im Hauptdorf Velas. Wir haben dort einen der wenigen Plätze im kleinen Hafen erhalten. In der Hochsaison werden drei Boote im Päckli nebeneinander an der Mauer vertäut. Wir hatten das Glück, dass der Besitzer unseres Platzes noch nicht bereit für die Saison war, sein Boot stand auf dem Trockenen. Diese Insel gefällt uns unglaublich gut, grün wie alle anderen, doch kaum Touristen, mit eindrücklichen Klippen und unberührten Landschaften. Wir blieben nur drei Tage hier, da wir auf der Nachbarinsel Terceira unsere nächsten Gäste erwarteten. Gleich am ersten Tag fragte uns ein Segler am selben Steg, ob wir zusammen die Insel erkunden wollen. Wir waren sofort einverstanden, da wir das ja sowieso machen wollten. So entstand eine Freundschaft, die wahrscheinlich auch nach der Auszeit bestehen bleibt. Er ist Irländer und wohnt am Zürisee. Später lernten wir seine Frau kennen und erkundeten zusammen eine weitere Insel. 

Abends, bevor wir am nächsten Tag ablegen wollten, waren wir beschäftigt mit Vorbereitungen wie Wasser füllen, Abfall entsorgen, Zwischenverpflegung bereit legen, nochmals das Wetter schauen und kochen. Ich Olivia war auf Deck beschäftig, Matthias hat soeben fertig gekocht und rief zu Tisch. Ich nahm Aufregung am Steg wahr und sah, wie drei junge Leute hin und her eilten und sich mit ihrem RIB (Schlauchboot) bereit zum Auslaufen machten. Es ist die Walewatcher Gruppe mit den blauen Jacken, ich habe sie auch schon bemerkt während dem Tag, jetzt waren sie ohne Touristen. Sofort kombinierte ich, sie müssen Wale gesichtet haben! Ich packte das Fernglas, das immer bereit liegt, rief Matthias zu: „Ich gehe auf die Mole, vor der Küste müssen Wale sein!!!“ Und hastete auf den Steg, in Adiletten und Pullover. Hastig grüsste ich die jungen Walewatchers und fragte: „Have you spotted whales?“ – „Yes…. Willst du mitkommen?“ Meine Augen leuchteten natürlich und ich sprang sofort ins Boot. Gerade noch konnte ich Matthias zurufen: „Komm!!! Nimm das Handy mit!“ Er liess alles liegen, stellte den Kochherd ab und eilte ebenfalls aufs gerade auslaufende Schnellboot. 

Alle waren voller Aufregung…, die drei jungen Leute noch mehr als wir. Dann sahen wir den Blas der beiden Wale, es seien Buckelwale. Nur ca. 3 Meilen von der Küste entfernt. Wir folgten ihnen, sie schwammen zwischen der Insel Pico und São Jorge, unserem Hafen. Plötzlich begann das Schauspiel. Die Wale begannen zu springen… wir hielten den Atem an, das war so unglaublich schön! Dann wieder, wieder, ca. 10 Mal sahen wir diese 20 Tonnen in die Luft springen und krachend auf dem Wasser aufschlagen. Es war, als wäre das Ganze nicht real. 

Irgendwann liessen wir die beiden Wale ziehen und kehrten in den Hafen zurück. Erst jetzt konnte Miguel, der Leiter der Walewatchers erzählen, wieso er überhaupt auf die Idee kam, abends um 20.00 Uhr hinauszufahren. Er wohnt in einem Haus nahe der Küste, ca. 15 Autominuten vom Hafen entfernt. Er hörte ein Schlagen und ging hinaus, um zu prüfen, ob seine Autotüren geschlossen waren oder vom Wind zugeschlagen wurden. Da sah er den Wal springen! Von seinem Haus aus, an der Küste! Sofort rief er seine zwei Mitarbeiterinnen und zusammen entschieden sie sich für diese abendliche Expedition ohne Touristen. Für uns ein unvergessliches Erlebnis… ein Geschenk des Himmels!

Die zweite Geschichte spielt auf São Miguel, der Hauptinsel. 

In meinem Reiseführer steht, Rabo de Peixe sei ein kleines Fischerdorf, die Einwohner seien jedoch nicht offen für Touristen, man solle sich diskret verhalten. Seit einer Netflixserie sei dieses kleine Dorf Rabo de Peixe (Fischschwanz) bekannt geworden. Da wir kein Netflix haben, musste ich zuerst nachforschen, worum es ging. Wir waren verblüfft, je mehr wir darüber recherchierten.

Während wir durch das Dorf fuhren, waren uns noch keine Hintergründe bekannt. Es kam uns eine grosse Verwahrlosung entgegen, viel Abfall, Männer, wahrscheinlich Fischer, die herumstanden. Vielleicht sind sie arbeitslos, vielleicht auch wartend, bis sie abends erneut mit ihren Booten hinausfahren. Die Strassen sind leer, stinkend und schmutzig. Dort wagten wir weder zu fotografieren, noch auszusteigen. Erst oben im Dorf, wo die Häuser etwas ordentlicher schienen, stiegen wir aus und erlaubten uns, einige Fotos zu machen.

2001, vor 25 Jahren, viele, die im Dorf leben, haben das skurrile Ereignis mit den tragischen Folgen miterlebt: Ein Segelschiff, eine Jeanneau Sun Kiss 47 (ein solches hätten wir fast gekauft!), erlitt vor der Küste São Miguels einen Ruderbruch. Der Kapitän, ein Italiener, hatte jedoch ein anderes, grösseres Problem! Er hatte 700 kg reines Kokain an Bord… im Wert von 50 Millionen Euro oder mehr. Dieses musste er zuerst verstecken, in Höhlen und Netzen unter Wasser, bevor er im Hafen von Rabo de Peixe anlegen konnte. Ein Sturm, wie er hier öfters vorkommt, kam auf und riss das unter Wasser verankerte Netz los. Nun schwamm das sorgfältig verpackte weisse Pulver im Meer herum und wurde angeschwemmt. Einwohner sammelten die Pakete ein. Aus dem verschlafenen Dorf Rabo de Peixe wussten die einen nicht viel damit anzufangen. Einige versuchten damit zu kochen, andere wuschen damit die Wäsche oder markierten das Fussballfeld. Andere jedoch wussten genau, was das für ein Pulver war und wurden sogleich abhängig. Ein Fischer meldete seinen Fund von über 100 kg der Polizei. Diese war auch nicht besonders erfahren mit solchen Fällen, doch der Ermittlungsverantwortliche scheint ein besonders cleverer und seriöser Mann zu sein. Er konnte schliesslich den Kapitän des Schmugglerbootes stellen. Sie nennen ihn hier „Italiener“, er stammt aus Sizilien. Er wurde im Gefängnis von Ponta Delgada, welches hier direkt neben dem Hafen steht, eingesperrt. Leider brach er zwei Wochen später aus und versteckte sich in der Nähe von Rabo de Peixe. Der Ermittlungsverantwortliche hörte bei einer Hausdurchsuchung eigenartige Geräusche im halb verfallenen Gartenhaus. Es war der Italiener! So stellten er und seine Männer ihn erneut. Er leistete keinen Widerstand. Sie überwiesen ihn schnellstmöglich dem Hochsicherheitsgefängnis in Portugal.

Was jedoch dieses angeschwemmte Pulver in Rabo de Peixe und auf der ganzen Insel anrichtete, ist bis heute erkennbar. Viele wurden innerhalb kürzester Zeit abhängig. Da die Einwohner keine Erfahrung damit hatten, starben ca. 12 Personen an Überdosen. Viele stürzten ab in Kriminalität und Armut. Das reine Pulver wurde im Dorf 5 Euro pro Tasse gehandelt! Überall war es. Viele Jugendliche und Minderjährige probierten es aus und wurden nie mehr frei… Die Psychiatrien waren überlastet. Die Polizei ebenfalls. Es mussten Strategien der Regierung ausgearbeitet werden, um der Bevölkerung zu helfen.

Netflix griff also diese absurde Geschichte auf und verfilmte dazu eine Serie. Ebenfalls existiert ein Dokumentarfilm über die wahren Begebenheiten bei Netflix.

Die Geschichte zeigte uns, wie teuflisch die Droge ist und wie von einem Inselbewohner beschrieben, stärker war als der Wille der Menschen.

Wir verabschieden heute die letzen Gäste des letzten Törns. Zusammen verbrachten wir 10 schöne und spannende Tage um die und auf der Insel São Miguel. Wir dachten ursprünglich, dass wir alleine die Überfahrt auf Portugal machen, doch vor zwei Wochen meldete sich Kristian aus der Schweiz bei uns, ob er mit uns mitsegeln dürfe. Er will Meilen sammeln für sein Hochseebrevet und es werden viele Meilen… über 800. Wir werden voraussichtlich also zu dritt unterwegs sein, während 8 Tagen und Nächten, mit Satellitenempfang, jedoch ohne Internet. Unsere Position sollte auf „Vessel Finder“ ersichtlich sein. Manchmal, wenn zu wenige Schiffe um uns herum sind, können die Daten nicht übermittelt werden und die Position wird somit nicht aktualisiert. Doch ungefähr sollte man sehen, wo wir uns befinden. Geplant ist, beim nächsten Wetterfenster anfangs Juli auszulaufen.

Am 3. August werden wir unsere Arbeit in der Schweiz wieder aufnehmen. Matthias hilft beim Innenausbau meines Schwagers mit und ich werde in die selbe Schule zurückkehren, wo ich zuletzt war, ins Gsteig Burgdorf. Dort werde ich bis Februar 2027 eine Stellvertretung übernehmen.

Deshalb: Bis bald!

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